Je mehr man in die Ultra-Bubble hineingerät, so stößt man gerade in Österreich an jedem Eck an solche Veranstaltungen, RACA, RAA, RAN in verschiedensten Längen quer oder rund um Bundesländer oder Österreich. Das Race Around Niederösterreich hätte mich schon mal gelockt, jedoch wurde es nur als „Supported“ Rennen veranstaltet (das bedeutet, man wird die gesamte Strecke von einem Auto mit mindestens 2 Fahrer begleitet), und die Verrückten, die hinter mir herfahren sollten, fand ich einfach nicht – abgesehen davon war das Wetter dieses Jahr auch extrem schlecht.

Also dachte ich mir, dann mache ich es einfach „unsupported“, also ohne Begleitung, alleine und auch selbstversorgend. Und da kam dann das RAA – Race around Austria – in der Challenge Form ins Spiel, einmal rund um Oberösterreich 560km und über 6000hm. Dafür hatte man 29h Zeit.

Je näher der Tag kam, desto nervöser wurde ich aber dann doch, weil es ja durch die Nacht ging und immer neue Fragen auftauchten: Werde ich müde vom Rad kippen, wird es in der Nacht kalt, was nehme ich zum Anziehen mit, hält das Licht die Nacht durch,…?

In St. Georgen im Attergau, wo das Rennen startet, ist ohnedies die ganze Woche schon RAA-Fieber, denn es findet dort auch die Extreme-Strecke statt, einmal rund um Österreich, 2000km, was auch zeitgleich die Ultracycling Weltmeisterschaft ist. Diese Fahrer startet schon Montag/ Dienstag, damit sie möglichst am Samstag alle ins Ziel kommen. Meine Strecke startet am Mittwoch 15 Uhr, also konnte ich gemütlich am Vormittag mit dem Zug anreisen. Mitten am Hauptplatz in St. Georgen konnte ich dann mein Rad bekleben, zur technischen Abnahme und mich anziehen. Man konnte auch eine Dropbox abgeben, die in Steyr dann nach 2/3 der Strecke zur Verfügung stand. Da ich aber eh alles am Rad mitnahm, brauchte ich es eigentlich nicht, aber da ich ja nirgends sonst eine Möglichkeit hatte, meine „normale Kleidung“ für nach dem Rennen zu deponieren, packte ich es einfach in diese Box und ließ sie nach Steyr und zurück karren…

Gegen 15 Uhr kamen dann alle zusammen – viel waren es ja nicht, gerade mal 28 Starter auf meiner Distanz – was mich überraschte war, wie wenig die alle mitnahmen (Ich hatte Regenjacke, Armlinge, Beinlinge, 3 Schläuche, Windweste usw.. mit, die anderen gerade mal 2 kleine Taschen am Rahmen), dafür aber mit deutlich mehr Flaschen. Sie erklärten mir, dass in der Nacht an der Strecke nichts zu finden ist, ich hatte ja eigentlich mit ausreichend Tankstellen gerechnet, machten mich also noch mal nervös.

Das Orga-Komittee war super nett, hat viel angefeuert und geholfen, dann gings um 15.24 los, Einzelstart in Minutenabstand. Von St. Georgen dann nach Westen, Landstrasse, Radwege machmal, kleine Dorfstrasse, hügelauf, hügelab bis rauf nach Braunau, Schärding. Kurz vor Schärding nutze ich die letzten Minuten eines großen Spar, um mich mit Essen und vor allem auch zusätzlichen Flaschen Flüssigkeit zu versorgen – für die Nacht sollte es also reichen.

Genau an diesem Abend war ja auch Sonnenfinsternis und so sah ich an verschiedenen Bergkuppen Menschen Richtung Sonne gucken, ein paar wussten aber auch vom RAA und jubelten zu.

Bei Passau wurde es dann dunkel, ich schalte Licht an, dann Windweste und später Armlinge. Bis Mitternacht ging es ganz gut, dann versuchte ich einen ersten Power-Nap, 10 Minuten auf eine Mauer in einem Dorf unter der Lampe – hat funktioniert, Handywecker gestellt, 10 Minuten später wieder aufs Rad und weiter. Das selbe dann noch mal so um 2 Uhr in einer Bushaltestelle, während gleichzeitig die Supported-Fahrer (begleitet von hell leuchtenden Bussen) an mir vorbeirauschten.

Mitte August sollten die Perseiden ja auch gut sichtbar sein, und da ich ohnedies nicht wirklich was zu tun hatte und in der Pampa durch die Gegend strampelte, blickte ich immer wieder mal in den Nachthimmel, um zu sehen, ob mir vielleicht eine Sternschnuppe den Weg zeigte. Ich sah zwar den großen Wagen und viele Sterne, mehr aber auch dann nicht…also blickte ich dann doch wieder mehr auf die von meiner Lampe erleuchtete Straße und lauschte vielen Podcasts und Hörbüchern. Recht witzig dabei war, dass Christoph Strasser in seinem Ultracycling Podcast „Sitzfleisch“ gerade ein Special genau zum RAA machte und ich dabei quasi live zuhören konnte, was es neues aus dem Rennen gibt.

Um 4 Uhr übermannte mich dann noch mal die Müdigkeit, es war auch plötzlich deutlich kälter, also noch mal ein Power-Nap einfach irgendwo auf einer Wiese am Strassenrand. Da ich aber dann schon ziemlich zitterte, zog ich noch die Regenjacke an, die half dann wirklich gut.

Die Sonne ging dann langsam auf, ich zitterte noch etwas, fand aber dann in einem Dorf einen ersten Bäcker, wo ich mich mal zu Kakao und Frühstück hinsetzte.

Nach der Stärkung gings dann weiter, die Sonne kam wieder stark hervor, es wurde wärmer, später dann auch wieder extrem heiß. Das nächste Ziel war dann das Depot in Steyr, leider keine schönen Straßen bis dorthin, in Steyr winkten sie mich dann heran, ich bin schon 1h über der Zeit, eigentlich wären sie gar nicht mehr hier, aber durchs Live-Tracking konnten sie sehen, wo ich war und warteten dann noch. Damit war mir aber auch dann klar, dass ich es wohl nicht bis zur Cut-Off Zeit im Ziel schaffen werde… Egal, jetzt fahren wir das noch fertig, ich muss ja eh zurück ins Ziel.

Viel Verkehr in Steyr, die Enns hinauf, dann lag da noch der Hengt-Pass vor mir: 560hm, dafür aber ein schönes Tal hinauf, wenig Verkehr, Felsen links und rechts – so sollte eigentlich Landschaft sein! In einem Restaurant noch Cola und Wasser aufgefüllt und ein paar Fragen vom interessierten Wirt zum Rennen beantwortet („Die anderen waren schon viel früher da“…), erreichte ich endlich den Pass, rollte nach Windischgarsten runter und legte mich dann noch mal für 10 Minuten unter einen Baum.

Nächstes Ziel also Gmunden, leider war der Weg doch weiter als gedacht und ein paar fiese Hügel auch noch dazwischen. Die Rennleitung rief dann auch mal an, ob mir es eh noch gut gehe. „Ich kämpfe, aber ja, irgendwann werd ich schon ankommen“, mein Resumée. „Du weisst schon, dass wir dich nach 29h aus dem Rennen nehmen müssen? Wir sind dann nicht mehr da, stellen dir aber deine Dropbox einfach ab“ – „OK“.

Leicht enttäuscht, aber dennoch mit eisernem Willen, das Ding zu Ende zu fahren, rechnete noch etwas, wie es sich mit Licht und Akku ausgehen könnte, wenn ich in die zweite Nacht reinfahren würde. und setzte ich meine Reise fort.

Bei Gmunden noch ein Tankstellen-Stop mit letztem Refill, dann rüber zum Attersee, diesen entlang, dann wurde es wieder einmal dunkel, ich nutzte die letzten Prozent Akku, am Mondsee vorbei, wo gerade der Mond aufging und rauf nach Norden die letzten 20km nach St. Georgen im Attergau.

Kein jubelnde Menge, keine Zuschauer, fuhr ich einsam in den Ort, sah schon die Zielrampe, bog rechts ein und dort standen dann wirklich noch alle von der Orga-Crew und jubelten! Das war das wahre Highlight! Sie haben wirklich noch auf mich gewartet! und beglückwünschten mich für meinen Durchsetzungwillen (andere sagen Sturheit dazu).

Fazit:
Brutto-Fahrtzeit 31h, 564 km und 6490 hm
Verbrannte Kalorien am Mittwoch 7600 und am Donnerstag noch mal 8800.
Netto-Fahrtzeit 24h, das wäre dann ein 23er Schnitt, und wäre sich gut ausgegangen, aber die Pausen für Power-Naps, Resupply haben dann doch zu viel Zeit gekostet, zumindest kein DNF, sondern ein OTL (Finished but out of time limit)

Hunger hatte ich am abend dann aber noch immer nicht wirklich, hatte wohl zu viel Schrott während der 31h gefuttert, nur duschen, Zähne putzen und ab ins Bett.

Am nächsten Tag dann endlich ein feines Frühstück mit 3 Semmeln, 2 Kakao, 2 Orangesaft und zu Mittag Salat und Pommes. Während des Tages gemütliches ausradeln über 50km am Mondsee und Attersee, einmal kurz ins Wasser gehüpft und mit Zug zurück nach Wien – Das war mein erstes Ultracycling-Unsupported-Abenteuer.

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